{"id":747,"date":"2019-06-03T20:28:39","date_gmt":"2019-06-03T18:28:39","guid":{"rendered":"http:\/\/kantilive.ch\/?p=747"},"modified":"2019-06-05T19:29:35","modified_gmt":"2019-06-05T17:29:35","slug":"bitte-gott-schicke-keine-bombe-ich-habe-noch-gar-nicht-gelebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/2019\/06\/03\/bitte-gott-schicke-keine-bombe-ich-habe-noch-gar-nicht-gelebt\/","title":{"rendered":"&#8220;Bitte Gott, schicke keine Bombe, ich habe noch gar nicht gelebt&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #808080;\"><em>(Bild: Siri W\u00fcrzer)\u00a0<\/em><\/span><\/p>\n<p>Katharina Hardy hat als Jugendliche die Konzentrationslager Ravensbr\u00fcck und Bergen-Belsen \u00fcberlebt. Lange hat die 91-j\u00e4hrige Zeitzeugin geschwiegen, doch unterdessen hat sie es sich zur Berufung gemacht, \u00fcber die Vergangenheit zu sprechen. Auf Einladung des Erg\u00e4nzungsfachs \u00abPromised Land\u00bb hat Katharina Hardy in der Aula Altbau rund 100 Sch\u00fclerinnen, Sch\u00fclern und Lehrpersonen von ihren drei Leben erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Als Katharina Hardy sechs Jahre alt war, beschlossen ihre Eltern, dass sie Geigerin werden sollte. Mit f\u00fcnfzehn besuchte sie das Gymnasium, welches sie jedoch kurz darauf wegen eines Verbots von j\u00fcdischen Kindern an christlichen Schulen wieder verlassen musste. Danach ging sie in Budapest auf ein j\u00fcdisches Gymnasium. Eine unbeschwerte Kindheit kannte sie in Ungarn nicht. Der Antisemitismus war schon immer da, so lange sie denken konnte. Am 19. M\u00e4rz 1944 marschierten deutsche Truppen in Ungarn ein. Aufs Neue wurden Verordnungen zur Unterdr\u00fcckung j\u00fcdischer Gesellschaftsmitglieder erlassen. Ihre Schule wurde nun ganz geschlossen. Die Besorgnis ihrer Eltern nahm Tag f\u00fcr Tag zu. So wurde Katharina bald von ihrer Hauswartin mit gef\u00e4lschten christlichen Papieren zu ihren Grosseltern aufs Land gebracht. Doch auch dort war es f\u00fcr sie nicht sicherer. Bei den immer h\u00e4ufiger werdenden Hausdurchsuchungen versteckte sie sich in einer alten Truhe bei den Nachbarn. Deswegen holten sie ihre Eltern kurze Zeit sp\u00e4ter wieder zur\u00fcck nach Budapest. Und dies keinen Monat zu fr\u00fch; einige Wochen sp\u00e4ter wurden ihre Tanten, Onkel und Cousins abgef\u00fchrt und alle nach Auschwitz verfrachtet.<\/p>\n<p>Katharina Hardy ist von ihrem Wohnort in Z\u00fcrich angereist. Die Sch\u00fclerinnen, Sch\u00fcler und Lehrpersonen des Erg\u00e4nzungsfachs &#8220;Promised Land&#8221; haben sie eingeladen, den Jugendlichen von ihrem Leben zu erz\u00e4hlen. Begleitet wird sie von drei Menschen. Diana Gring, Kuratorin der Wanderausstellung &#8220;Kinder im KZ Bergen Belsen&#8221; und Mitarbeiterin der Gedenkst\u00e4tte Bergen-Belsen, einer Regisseurin, die einen Dokumentarfilm \u00fcber sie dreht, sowie von ihrem Mann, der selten von ihrer Seite weicht, wenn sie an Veranstaltungen spricht. \u00dcber ihn meint sie ganz zu Beginn, sie beide seien unzertrennbar, nur zusammen sind sie ein Ganzes. Auch er hat die schrecklichen Ereignisse des Naziterrors als Internierter eines Arbeitslagers \u00fcberlebt.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Diese Verbreitung von Terror hat uns alle sehr fleissig gemacht&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>An einem anderen Tag klopften die Nazis an die T\u00fcr und holten ihren Vater ab. Dann wurde Katharina zusammen mit ihrer Schwester in ein deutsches Arbeitslager in Ungarn gebracht, wo sie gezwungen wurden, Gruben auszuheben. F\u00fcr einen kurzen Moment schweigt sie und sagt dann: &#8220;Was mir von dieser Zeit am besten in Erinnerung geblieben ist, sind die Kampfflugzeuge, die jeden einzelnen Tag st\u00e4ndig im Tiefflug \u00fcber unsere K\u00f6pfe geflogen sind. Diese Verbreitung von Terror hat uns alle sehr fleissig gemacht.&#8221; Nach zwei Wochen wurde ihnen gesagt, sie h\u00e4tten gut gearbeitet und k\u00f6nnten nun nach Hause gehen. Ein Offizier lachte nur und meinte, sie h\u00e4tten keine Ahnung von dem, was noch komme.<\/p>\n<p>Am 15. November 1944 wurden Katharina und ihre Mutter abgeholt. Vor ihrem Haus stand eine riesige Menge von Menschen, die bereits abgeholt worden waren. &#8220;Die Juden glaubten immer, die Deutschen w\u00fcrden nicht so weit gehen, und ihnen w\u00fcrde nichts passieren. Sie merkten es erst, als an ihre T\u00fcr geklopft wurde und sie darauf aus dem Fenster sprangen.&#8221; Nachfolgend begann ein Fussmarsch von 120 Kilometern. Wer nicht mehr gehen konnte, zu langsam oder zu schwach war, wurde erschossen.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Ich habe noch gar nicht gelebt&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Um sie herum explodierten st\u00e4ndig Bomben. Ihre Mutter betete: &#8220;Bitte Gott, schicke uns eine Bombe.&#8221; Katharina betete auch: &#8220;Bitte Gott, schicke keine Bombe, ich habe noch \u00fcberhaupt nicht gelebt.&#8221; Wegen mangelnder Hygiene erkrankte Katharinas Mutter gegen Ende des Weges an Ruhr, einer Entz\u00fcndungskrankheit infolge einer bakteriellen Infektion. &#8220;Ich habe meine Mutter an den Beinen bis zum Lastwagen geschleift.&#8221; An dieser Stelle weicht Frau Hardys ruhige Art sichtlich einer tiefen Traurigkeit. In den Wochen w\u00e4hrend des Fussmarsches hatte ihre Mutter st\u00e4ndig eine Adresse aufgesagt. Sie stellte sicher, dass Katharina sie sich ganz genau einpr\u00e4gte. Immer und immer wieder musste sie diese wiederholen, bis sie sie im Schlaf wiedergeben konnte. Ende Dezember wurden die zwei getrennt. Als Katharina ihre Mutter nicht zur\u00fccklassen wollte, wurde sie mit Peitschen von ihrer Seite getrieben. Sie drehte sich noch einmal um, und die letzten Worte, die sie von ihrer Mutter h\u00f6rte, war die Adresse. Die Adresse, die sie so beharrlich versucht hatte, ihrer Tochter einzubl\u00e4uen. Es war die Adresse ihres Bruders in New York. Die Stimme von Frau Hardy zittert erneut. Man merkt, dass der Verlust ihrer Mutter und die eigenen Schuldgef\u00fchle noch immer tief in ihren Knochen sitzen.<\/p>\n<p>Anfangs Januar wurden die verbleibenden Menschen einwagoniert und nach Ravensbr\u00fcck transportiert. Katharina wurde mit den anderen in einen Raum getrieben. Sie mussten sich ausziehen. Die K\u00f6pfe wurden geschoren. Die Kleider verbrannt. Katharina zog sich Lumpen an, die von fr\u00fcheren Gefangenen auf dem Boden lagen. In den Baracken fand sie eine Pritsche, die sie sich mit drei anderen M\u00e4dchen teilte.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Jeder hat um sein eigenes Leben gek\u00e4mpft. Ich war nie b\u00f6se. Ich habe verstanden&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Befragung, zu dieser Zeit war sie 16 Jahre alt, log sie und sagte, dass sie dreizehn sei. So befreite sie sich von der Zwangsarbeit. Die Kinder mussten nicht arbeiten, sondern dreimal t\u00e4glich Appell stehen. Frau Hardy bemerkt: Das gemeinsame Leiden hat damals nicht zusammengeschweisst. Sie besass ein Paar Turnschuhe, die sie h\u00fctete wie ihren Augapfel. Als es k\u00e4lter wurde, waren diese eines Morgens nicht mehr da. Jemand hatte sie gestohlen. &#8220;Jeder hat um sein eigenes Leben gek\u00e4mpft. Ich war nie b\u00f6se. Ich habe verstanden.&#8221; Von da an ging sie mit nackten F\u00fcssen durch den Schnee. Ihre t\u00e4gliche Mahlzeit, eine Schale warmes Wasser mit Randen- oder Zuckerr\u00fcberesten, war das, was die W\u00e4chter Suppe nannten. Katharina hatte wegen dem Gewichtsverlust und der Mangelern\u00e4hrung zunehmend mit Gleichgewichtsst\u00f6rungen zu k\u00e4mpfen. Sie wusste, dass es t\u00f6dlich enden w\u00fcrde, wenn die Aufseher es mitbek\u00e4men. Eine 19-j\u00e4hrige Kommunistin bemerkte es und half ihr, indem sie bei der Essensausgabe immer dicht hinter ihr ging, um sie zu halten, wenn Katharina taumelte. Heute bedauert Frau Hardy es sehr, dass sie ihren Namen nicht kennt. &#8220;Ich konnte ihr nie daf\u00fcr danken, dass sie mich vor dem Untergang gerettet hat.&#8221;<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddem sie erz\u00e4hlt, spricht sie sehr sachlich und n\u00fcchtern. Die Erz\u00e4hlung ist aufgebaut wie eine Abenteuergeschichte, meist in gewissenhafter Chronologie, mit \u00fcberlegten S\u00e4tzen, starken Aussagen, gut eingeleiteten und sinnvollen Zeitspr\u00fcngen. Sie redet von sich selbst, als w\u00e4re es Erinnerungen aus einem anderen Leben. Einzig, wenn sie \u00fcber ihre Familie erz\u00e4hlt, wird sie emotional. Bei der Erw\u00e4hnung ihres Mannes ist sie fast zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt. Wenn sie \u00fcber ihre Mutter spricht, gegen\u00fcber der sie noch immer Schuldgef\u00fchle hat, weil sie sie allein lassen musste, zittert ihre Stimme.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Das Grauen erreichte in Bergen-Belsen ein neues Ausmass&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1945 wurde Katharina nach Bergen-Belsen verlegt. Wahrscheinlich, weil die Alliierten n\u00e4her r\u00fcckten. Bei der Ankunft wurden alle nochmals dem gleichen Ritual unterzogen. Nackt ausziehen, K\u00f6pfe abrasieren. &#8220;Das Grauen erreichte in Bergen-Belsen ein neues Ausmass. Es war eine andere Art von schrecklich.&#8221; Es gab immer weniger zu Essen. Die Gefangenen mussten noch mehr arbeiten. Was genau, das weiss sie nicht; man hat untereinander nicht mehr gesprochen. T\u00e4glich sah sie zu, wie immer mehr Menschen starben oder zu Tode gepr\u00fcgelt wurden.<\/p>\n<p>Auf die Frage, was ihre Hauptgedanken w\u00e4hrend ihrer Internierung gewesen waren, sagt sie, sie m\u00fcsse uns entt\u00e4uschen. Denn die meiste Zeit h\u00e4tte sie keine Gedanken gehabt. Keine, an die sie sich erinnern w\u00fcrde. &#8220;Man befindet sich konstant in einem D\u00e4mmerzustand. Ich war vom Leben und vom W\u00fcnschen weit entfernt. Ich hatte keine Gef\u00fchle.&#8221;<\/p>\n<p>In diesen Tagen gab es zwei Ereignisse, im Zuge derer Katharinas Lebenswille noch einmal aufflammte. Das erste war eine L\u00e4useplage. Alle kratzten sich, die Haut riss auf und es gab Narben. Wegen der miserablen Hygiene bestand ein enorm grosses Infektionsrisiko. Katharina hatte eine strenge Erziehung hinter sich und lernte daher fr\u00fch, diszipliniert zu sein. Das zahlte sich nun aus. Sie widerstand dem Juckreiz. Dies auch aus dem Grund, dass sie sp\u00e4ter keine &#8220;h\u00e4sslichen Narben&#8221; haben wollte. Heute staunt sie \u00fcber die Hoffnung, die sie damals trotz allem noch hegte. Das zweite Ereignis war der Fund eines Diamanten in den Lumpen, die sie trug. Der Brilliant war in das Kleid eingen\u00e4ht. Die ehemalige Besitzerin hatte wohl gehofft, ihn vor den Nationalsozialisten verstecken zu k\u00f6nnen. Da der Stein Katharina aber absolut nichts bedeutete, gab sie ihn der Aufseherin im Tausch f\u00fcr eine leere Konservenb\u00fcchse, die sie als Toilette verwendete.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Der Tod war f\u00fcr mich allt\u00e4glich geworden&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Als die Amerikaner das Konzentrationslager Bergen-Belsen am 15.April 1945 befreiten, fanden die Soldaten die 16-j\u00e4hrige Katharina v\u00f6llig verwahrlost in einer Ecke kauernd. &#8220;Ich lag da, mit angewinkelten Beinen und hatte schon seit Tagen nicht mehr geachtet, was um mich herum geschah.&#8221; Als man sie auf eine Bahre legen wollte, schrie sie vor Schmerz. Sie konnte ihre Beine nicht mehr ausstrecken. 29 Kilogramm wog ihr schwacher K\u00f6rper noch. Die n\u00e4chsten Monate verbrachte sie im Lazarett. Man konnte sie kaum behandeln. Sie hatte innere Verletzungen und verlernt, zu schlucken. Einige Befreite seien im Anschluss gestorben, weil sie mehr gegessen h\u00e4tten, als ihr K\u00f6rper ertragen konnte.<\/p>\n<p>&#8220;Die Leute fragen immer, was ich bei der Befreiung gef\u00fchlt habe. Die Antwort ist: Nichts. Der Tod ist nat\u00fcrlich. Das Leben ist unnat\u00fcrlich. Nach meiner Befreiung konnte ich nicht verstehen, wieso alle so ein Drama darum machten. Der Tod war f\u00fcr mich allt\u00e4glich geworden. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Der Tod ist nat\u00fcrlich, viel nat\u00fcrlicher als das Leben\u2026Zum Gl\u00fcck konnte ich mir im KZ dar\u00fcber keine Gedanken machen. Zum Gl\u00fcck habe ich im KZ nicht nachgedacht.&#8221;<\/p>\n<p>Einmal noch habe sie von ihrer Mutter und ihrer Schwester getr\u00e4umt. Danach sei sie aufgewacht und hat realisiert, dass sie sie nie wiedersehen w\u00fcrde. Insgesamt hat Frau Hardy mehr als 30 liebe Menschen an den Holocaust verloren. Darauf fasste sie einen Entscheid: &#8220;Ich bin am Leben geblieben, jetzt muss ich es auch sch\u00e4tzen.&#8221; Frau Hardy meint, dass das gemeinsame Leiden, als der Holocaust vorbei war, die Leute dann im Nachhinein doch verbunden hatte. &#8220;Grausamkeit bildet auch Zusammenhalt. Das tun nicht nur Freude und Gl\u00fcckseligkeit.&#8221;<\/p>\n<p><strong>&#8220;Ich habe den Holocaust unter den Teppich gekehrt&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Auf einer Liste im Konzentrationslager fand sie den Namen ihres Vaters. Er hatte ebenfalls \u00fcberlebt. Ende Juli ging sie deshalb nach Ungarn zu ihrem Vater zur\u00fcck. Nachbarn und Bekannte waren \u00fcberrascht. War sie doch immer das kleine, feine, ja sogar etwas schwache junge M\u00e4dchen gewesen. &#8220;Ich war die Person, von der man am wenigsten erwartete, dass ich lebendig zur\u00fcckkehrte.&#8221; Ihre Willenskraft hatte sie gerettet. Dies auch sp\u00e4ter noch, als sie die Konsequenzen des KZ an ihrem eigenen K\u00f6rper zu sp\u00fcren hatte. Sie erlitt eine Herzmuskelentz\u00fcndung, hatte zeitweise kein Gef\u00fchl mehr in den Oberschenkeln. Doch sie wurde wieder gesund, und sobald es ging, begann sie wieder, die Geige zu spielen. Einige Jahre sp\u00e4ter besuchte sie den Bruder ihrer Mutter in New York.<\/p>\n<p>Frau Hardy erz\u00e4hlte niemandem, ausser ihrem Mann, von den Erlebnissen. Sie wollte dieses Leben hinter sich lassen und nach vorne schauen. &#8220;Ich habe den Holocaust unter den Teppich gekehrt.&#8221; Im Jahr 1947 machte sie die Matura. Sie spielte weiterhin t\u00e4glich die Geige. Unterdessen lernte sie ihren Mann kennen, bekam mit ihm ihr erstes Kind, und erhielt zwei Jahre sp\u00e4ter ihr Musiker-Diplom an der Franz-Liszt-Akademie. Als es im Jahr 1956 zu den ungarischen Aufst\u00e4nden kam, kehrte sie ihrem antisemitischen Heimatland den R\u00fccken und kam in die Schweiz. Hier verfolgte sie ihre Karriere als Musikerin, spielte unter anderem auch in der Tonhalle St. Gallen. Doch auch in Z\u00fcrich blieb sie vom Antisemitismus nicht verschont. Ihre damalige neue Nachbarin zeigte Frau Hardy die Stadt. Zu einem Gesch\u00e4ft, an dem sie vorbeigingen, warnte die Nachbarin: &#8220;Da d\u00fcrfen sie niemals reingehen.&#8221; Sie fragte nach dem Grund. &#8220;Der Besitzer ist ein Jude!&#8221;<\/p>\n<p>Diese und \u00e4hnliche Erfahrungen, zusammen mit den Erinnerungen aus den Konzentrationslagern haben sich geh\u00e4uft. In der letzten Etappe ihres Lebens h\u00e4lt Katharina Hardy nun Vortr\u00e4ge, um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Ich habe so vieles noch nicht erz\u00e4hlt!&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Die ganze Zeit \u00fcber h\u00f6ren ihr alle aufmerksam, teils betroffen, zu. Was Frau Hardy erz\u00e4hlt, geht sichtlich unter die Haut. Am Ende haben die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler die Gelegenheit, ihre Fragen zu stellen, und von denen haben sie zuhauf.<\/p>\n<p>Eine leichter nachvollziehbare Antwort liefert Frau Hardy auf die Frage, wieso sie sich entschieden hat, nach so langer Zeit nun endlich dar\u00fcber zu sprechen. Denn f\u00fcr eine lange Zeit war ihr Mann die einzige Person, mit dem sie ihre Erfahrungen teilte. Eine Zeit lang hatte sie sogar versucht, &#8220;den j\u00fcdischen Glauben loszuwerden&#8221;, ihren Kinder wegen. Doch als die Kinder aus dem Haus waren, hatte sie Zeit, nachzudenken. &#8220;Wenn man alt ist, dann beginnt man nachzudenken.&#8221; Sie holte so den Holocaust quasi wieder unter dem Teppich hervor. Und damit kam der Drang zu reden. &#8220;Ich habe das nie abgebaut. Das ist alles noch immer in meinem Kopf. Verarbeitet, ja. Aber nicht abgearbeitet. Ich habe so vieles noch nicht erz\u00e4hlt. Es gibt noch unendlich viel zu sagen.&#8221; Jedoch sagt sie auch ganz offen, sie habe Bilder in ihrem Kopf, von denen sie niemals erz\u00e4hlen wird, da sie zu grausam sind. &#8220;Ihr habt keine Ahnung, wie das damals war!&#8221; Sie will uns und sich selbst schonen. Vergessen wird sie es nie. Ob sie deswegen noch immer Hass versp\u00fcrt? Nein, sie habe keine Hassgef\u00fchle mehr, werde aber auch niemals verzeihen. Es scheint, als h\u00e4tte sie mit all den Menschenrechtsverletzungen, die an ihrer Person ver\u00fcbt worden sind, gelernt umzugehen. Doch das Leiden ihrer Liebsten wirft sie mehr als 70 Jahre sp\u00e4ter noch aus der Bahn.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Nichts kann mich erschrecken, denn schlimmer kann es nicht mehr werden&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Sie sagt, sie habe drei Leben. Das erste, das ist ihre Kindheit, das Leben im KZ, der Holocaust, das echte Leben. Das zweite Leben ist das normale, &#8220;euer&#8221; Leben. &#8220;Ich kann nicht so denken, wie ihr alle denkt. Nichts kann mich erschrecken, denn schlimmer kann es nicht mehr werden.&#8221; Ihr drittes Leben ist das Alter. &#8220;Aber es geht uns gut.&#8221; Immer wieder betont sie, dass wir uns nicht vorstellen k\u00f6nnen, wie das damals war. &#8220;Ich l\u00e4chle, denn das geh\u00f6rt zum normalen Leben. Rassismus und Antisemitismus sind pr\u00e4sent wie eh und je. Ich glaube nicht, dass es keinen Holocaust mehr geben wird. Das w\u00e4re ein Wunder.&#8221;<\/p>\n<p>Alle zwei Jahre reist Frau Hardy zu der Gedenkst\u00e4tte Bergen-Belsen. Der Ort, an dem sie fast zwei Monate lang interniert war. Dort hat sie Frau Gring kennengelernt. Dann macht sie eine Aussage, die f\u00fcr viele unverst\u00e4ndlich scheint: &#8220;Meine Heimat ist das KZ. Ich finde, ich sollte genauso tot sein wie die 70&#8217;000 anderen Insassen. Ihr m\u00f6gt das nicht verstehen, doch das ist meine Art von Heimat.&#8221; Das KZ ist der Ort, wo sie in ihrer Kindheit am st\u00e4rksten gepr\u00e4gt wurde. Sie kann und will den Ort nicht loslassen. Der Holocaust h\u00f6rt f\u00fcr sie nicht auf. &#8220;Meine tiefsten Wurzeln geh\u00f6ren dorthin. Ich geh\u00f6re auf den dortigen Friedhof.&#8221;<\/p>\n<p><em>\u00a0Im Historischen und V\u00f6lkerkundemuseum St. Gallen laufen derzeit bis im Sp\u00e4tsommer zwei voneinander unabh\u00e4ngige Ausstellungen zum Thema. Katharina Hardy kommt vor in der Ausstellung &#8220;Kinder im KZ Bergen-Belsen<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Bild: Siri W\u00fcrzer)\u00a0 Katharina Hardy hat als Jugendliche die Konzentrationslager Ravensbr\u00fcck und Bergen-Belsen \u00fcberlebt. 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Als ich meine Fusssohle auf den kalten Beton absetzte, durchfuhr mich ein kalter Blitz, als wollte mich die Treppe zur\u00fcckhalten, als wollte sie mich warnen, vor dem Ungewissen, das mich in den Tiefen dieser\u2026","rel":"","context":"In &quot;Infos \/ Events&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/747"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=747"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/747\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5464,"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/747\/revisions\/5464"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/748"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kantilive.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}